Der O.T.O. unter McMurtry

 

Als McMurtry auf den kritischen Zustand des Ordens aufmerksam wurde, in den der Orden nach Germers Tod gefallen war, sah er sich genötigt, sich auf seine Dokumente der Notfallautorisation durch Crowley zu berufen und den Titel „Kaliph des O.T.O.“ anzunehmen, ganz wie Crowley dies McMurtry in den Vierziger Jahren brieflich aufgetragen hatte. Er hielt es für angebracht, sich dies von zwei Zeugen bestätigen zu lassen, und seine diesbezügliche Wahl fiel auf Dr. Israel Regardie (1907-1985) und Gerald Yorke (1901-1983). Diese beiden zählten unter den noch lebenden Schülern Crowleys zu den bekanntesten, und McMurtry bezeichnete die zwei als die „Augen des Horus“. Er informierte sie über seine Pläne, den O.T.O. unter Verwendung der brieflichen Chartern Crowleys zu rekonstituieren und bat sie um ihre Unterstützung, die ihm auch zugesichert wurde. McMurtry vervollständigte die Aktivierung seines Kaliphats im Juni 1969 mit einem Brief an den in der Schweiz befindlichen Hermann Metzger.

Nach der Aktivierung des Kaliphats wurden alle O.T.O.-Mitglieder aus Germers und Crowleys Zeit, die noch am Leben waren, dazu eingeladen, sich McMurtry anzuschließen, damit der reguläre Betrieb des O.T.O. wieder aufgenommen werden konnte. Zu dieser Zeit gab es in den Vereinigten Staaten nicht einmal mehr ein Dutzend älterer O.T.O.-Mitglieder. Soror Meral, Soror Grimaud, Mildred Burlingame und Gabriel Montenegro signalisierten ihr Einverständnis, den O.T.O. der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ray Burlingame war bereits einige Jahre zuvor verstorben, und Dr. Montenegro segnete am 14. Juli 1969 das Zeitliche, noch bevor eine organisatorische Versammlung abgehalten werden konnte. Frederick Mellinger hatte seine Verbindungen zur Theosophischen Gesellschaft wieder aufgenommen und war seit etwa 1956 nicht mehr aktiv am O.T.O. beteiligt. Die einzige Ausnahme hiervon bildete der Brief, mittels dessen er eine Vollstreckung von Germers Testament zugunsten von Metzger verhindert hatte. Mellinger starb am 29. August 1970. In den Jahren 1969 und 1970 begannen McMurtry, Burlingame und die Sorores Meral und Grimaud, Initiationen durchzuführen. Am 28. Dez. 1970 wurde die Ordo Templi Orientis Association als Verein im Bundesstaat Kalifornien eingetragen, damit der O.T.O. den Status einer Person öffentlichen Rechts erhielt.

Sascha Germer verstarb im April 1975, und als ihr Tod 1976 bekannt wurde, erwirkte die O.T.O. Association unter McMurtry einen Gerichtsbeschluß, der besagte, dass die verbleibenden Archive des O.T.O., die sie gehütet hatte, dem Orden zugestellt werden sollten. Dieser Gerichtsbeschluß, der Grady McMurtry als den mit entsprechender Vollmacht ausgestatteten Repräsentanten des O.T.O. anerkannte, wurde am 27. Juli 1976 vom Superior Court in Calaveras County, Kalifornien, gefällt und vollstreckt.

Unter McMurtry als dem Kaliphen oder amtierenden Oberhaupt des O.T.O. wurden verschiedene Versuche unternommen, neue Mitglieder für den O.T.O. zu gewinnen und die Öffentlichkeit auf den Orden aufmerksam zu machen. 1970 gab der O.T.O. unter seiner Dubliner Adresse Crowleys Thoth Tarot Karten heraus, die von Lady Frieda Harris illustriert worden waren. Die Resonanz hielt sich zunächst in Grenzen, aber es wurden dank der Bemühungen, die vom in Dublin, Kalifornien angesiedelten College of Thelema und dem Kaaba Clerk House in San Francisco ausgingen, einige neue Mitglieder initiiert. Die Aktivitäten in San Francisco hielten nicht allzu lange an, und ein neues Mitglied trat wieder aus. In Dublin wurde die Arbeit zwei Jahre lang fortgesetzt; anschließend verlagerte sich das Zentrum der Aktivität nach Berkeley, Kalifornien.

1977 hielt McMurtry O.T.O.-Initiationen in seinem Haus in Berkeley, Kalifornien, ab und begann mit dem Aufbau einer Gruppe. Der O.T.O. wurde am 26. März 1979 e.v. entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen des Staates Kalifornien als Gesellschaft eingetragen. Jene, die eine schriftliche Bestätigung ihrer Mitgliedschaft im O.T.O. geschickt hatten oder von denen man wusste, dass sie Mitglieder aus früherer Zeit waren, wurden über die Eintragung als Gesellschaft informiert, und sie konnten innerhalb eines gewissen Zeitraums ein Gesuch für die Verlängerung ihrer Mitgliedschaft einreichen; den Präzedenzfall für ein solches Vorgehen hatte Karl Germer zuvor geschaffen. Der Gesellschaft wurde 1982 unter dem IRS Code 501(c)3 der Status einer von der Steuer befreiten Religionsgemeinschaft zuerkannt.

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